Mirjams Ohnmacht
Immer langsamer ging er. Immer schwerer wurde der Holzbalken auf seinen Schultern.
Immer schärfer trafen ihn Spott und Hohn derer, die mit Festvorbereitungen beschäftigt
waren und nur einen Augenblick stehenblieben, um den schweißtriefenden, blutverschmierten
Mann anzuschauen. Dann eilten sie weiter, und er stolperte. Unter seiner Last brach er
zusammen. Im selben Augenblick verlor eine ältere Frau, deren Füße ihm durch die Menge
gefolgt waren, das Bewusstsein. Ihr Blick, zuvor starr auf ihn gerichtet, brach, und der
Schleier, durch den ihre Augen ihn und seine Schmerzen wahrgenommen hatten, riss entzwei.
Das Johlen der Zuschauer verstummte, die Hektik auf den Straßen ebbte ab, und es kehrte
Stille ein.
Nur leises Wimmern hörte sie, und da lag er, klein und rosig, auf ihrem Bauch. Er
suchte nach ihren Brüsten, und sie stillte ihn. Vorüber waren alle Schmerzen: die hinter
ihr und die vor ihr lagen. Weit hob ihr Glück sich empor über das flüchtig
ausgebreitete Stroh, auf dem sie lag. Ihre Liebe durchflutete den ganzen Raum, vor allem
den Mann, der zärtlich neben ihr kniete und der wusste, dass dieses Kind nicht von ihm
war. Anfangs hatte er sie deswegen verlassen wollen. Aber während der ganzen
Schwangerschaft hatte er sie beschützt und zu ihr gehalten. So war es ihre gemeinsame
Zeit, dieses Kind doch seines geworden. Weit spannte das Glück der Eltern sich aus und
umfasste auch den Esel und den Ochsen, mit denen sie ihr Quartier teilen mussten. Die
Tiere hatten geschlafen und waren bei den Wehen wachgeworden. Warm und neugierig kamen
beide heran. Die Freude dessen, was lebt, strahlte über den Stall hinaus und hinauf bis
an den Himmel. Die ganze Nacht leuchtete, und der Chor der Sterne sang Wonne. Ein
unermesslicher Friede sank herab auf die Erde auf Hügel, Felder und Weiden, auf
die Schafherden und auf ihre Hirten , und Friede strömte in die Städte. Er
erfüllte die Herzen der Kaufleute, und er ließ die Hände der Soldaten sinken.
Indes richteten sie den Holzpfahl auf, an dessen Querbalken ihr Sohn festgebunden war.
Kraftlos hing sein Leib herab, als sie aus ihrer Ohnmacht erwachte. Sie schlug die Augen
auf und sah ihn. Stärker als den Tod schaute sie seine Liebe, und ihre Leidenschaft
brannte heißer als alles Leid.