Lied der Lieder
Schir Haschirim
Schwarz und unschuldig bin ich
ihr Mädchen in Jeruschalajim!
Schwarz sind die Zelte der Hirten.
Schwarz sind die Decken der Zelte.
Wundert euch nicht, weil ich schwarz bin!
Mich hat die Sonne verbrannt.
Schuld daran sind meine Brüder.
Für ihre Weinberge musste ich sorgen.
Meinen Weinberg hat niemand bewacht.
Schwesterchen, noch
wachsen dir keine Brüste!
Was tun wir, da
man um dich wirbt?
Bist eine Mauer du
schmücken wir dich.
Mit silbernen Zinnen!
Bist du ein Tor, dann
sperren wir dich.
Mit zedernen Balken!
Mauer bin ich, ja!
Türme sind meine Brüste.
In seinen Augen
bin ich vollkommen.
Sag mir du, den mein Herz liebt:
Wo ruhst du aus am Mittag?
Dann muss ich nicht herumziehn
bei den Herden der Nachbarn.
Weißt du's nicht? Schönstes Mädchen
folge den Spuren der Schafe!
Lass deine Lämmchen weiden
bei den Lagern der Hirten!
Unser Bett ist grünes Laub
und der Wald das Haus.
Zedern sind die Balken
und das Dach Zypressenzweige.
Blume auf den Wiesen bin ich
Lilie tief im Tale!
Lilie unter Disteln blüht
neben andern Mädchen meins.
Apfelbaum im Walde steht
bei den Nachbarn einer, er!
Ruhn in seinem Schatten will ich.
Süß schmeckt seine Frucht.
Er hat mich verführt zu trinken
und mit Wein berauscht.
Liebe heißt der Wein.
Krank vor Sehnsucht bin ich.
Gebt mir Kuchen mit Rosinen!
Legt mich unter Apfelbäume!
Lasst den Liebsten mich umarmen
seine Arme mich umschlingen!
Bis der Tag verweht
und die Schatten wachsen
komm, ach Liebster
du meine Gazelle!
Du junger Hirsch, komm
aus den Schluchten der Berge!
Bis der Tag verweht
und die Schatten wachsen
geh ich, Liebste
auf den Myrrhenhügel
und zum Weihrauchopfer
auf den Höhen der Berge!
Fangt uns die Füchse!
Die frechen Füchslein
wühlen im Weinberg
da uns die Reben blühn.
Du bist in den Gärten.
Man hört deine Stimme.
Mädchen, jetzt komm und
sag mir ein Wort!
Lauf weg, ach Liebster
du meine Gazelle!
Du junger Hirsch, lauf
in die Schluchten der Berge!
Ich spüre den Liebsten.
Da, hört: schon kommt er
springt über die Berge
hüpft über die Hügel
wie die Gazelle
mein junger Hirsch!
Da, seht: schon steht er
hier an der Hauswand
blickt durch das Fenster
greift durch das Gitter
fängt an zu sprechen!
Der Liebste ruft mich:
Steh auf, du Schöne!
Ach Liebste, komm!
Der Winter ist vergangen.
Die Regen sind verrauscht
und Blumen grünen wieder.
Die Zeit ist da, zu singen
und Turteltauben rufen
den Frühling aus im Land.
Am Feigenbaume reifen
die frühen Feigen schon.
Am Rebenstock erwarten
die Triebe ihren Schnitt.
Steh auf, du meine Schöne!
Du meine Liebste, komm!
Mein Täubchen hoch im Felsnest
am steilen Hang versteckt
lass mich in dein Gesicht sehn
und deine Stimme hören!
Ja, süß ist deine Stimme
und, ach, dein Anblick schön!
Vom Libanon komm herab mit mir
und mit dem Strom herab von den Gipfeln
wo Löwen hausen und Panther lauern!
Du hast mich gefangen, Schwesterchen Braut!
Mit deinen Augen hast du mich gebannt und
an einem Halskettchen festgebunden.
Schön ist die Liebe, Schwesterchen Braut!
Viel süßer als Wein ist deine Zärtlichkeit
und verführerisch sind deine Düfte.
Küss mich! Von deinen Lippen tropft Honigseim.
Milch und Honig sprudelt deine Zunge.
In deinen Gewändern duftet der Wald des Libanon.
Du sollst mich küssen. Küss mich mit deinem Mund!
Trinken will ich die Liebe, süßer als Wein.
Baden will ich in Düften, köstlich wie Öl.
Balsam bist du.
Für dich schwärmen alle. Und auch ich!
Du bist der König. Bring mich in deine Gemächer!
Nimm mich, mach schnell!
Jubeln will ich vor Freude und jauchzen vor Lust.
Singen will ich von Liebe, süßer als Wein.
Von dir schwärmen alle. Und mit Recht!
Hinter Schloss und Riegel, Schwesterchen Braut
liegt in deinem Garten verborgen ein heimlicher Brunnen.
Der Quell ist versiegelt, der Garten ein Paradies.
Allerlei Obstbäume wachsen und Blumen blühn.
Allerlei Düfte erfüllen die Lüfte: Ölwurzeln
Würzrohr und Zimt, Myrrhe und Aloe, Weihrauch.
Im Quell des Gartens sprudelt lebendiges Wasser
vom Libanonberge herab und befruchtend empor.
Nordwind, wach auf! Und du, Südwind, komm!
Weht durch den Garten, und lasst seine Düfte strömen!
Komm, Liebster, in deinen Garten! Tritt ein und iss
deine Früchte! Liebster, lass es dir schmecken!
In meinen Garten komme ich, Schwesterchen Braut!
Ja, ich pflücke die Myrrhe und atme den Balsam!
Ja, ich öffne die Wabe und esse den Honig!
Ja, ich koste vom Wein und trinke die Milch!
Freunde, bedient euch! Esst auch ihr und trinkt!
Freunde, berauscht euch! Genießt den Rausch der Liebe!
Ich bin dein, und mich willst du.
Liebster, komm mit mir hinaus
auf die Felder! Zwischen Blumen
lass uns schlafen, dann am Morgen
In den Weinberg gehn und nachsehn
ob der Weinstock Reben treibt
ob die Knospen sich schon öffnen
und der Granatapfel blüht!
Meine Liebe schenk ich dir.
Vor der Tür schon duften Äpfel
warten alle süßen Früchte:
frische und vom Vorjahr treu
dir, mein Liebster, aufbewahrte!
In den Walnussgarten ging ich
nachsehn, ob die Palme sprosst
ob der Weinstock Reben treibt
und der Granatapfel blüht.
Da geschah's, ich weiß nicht wie:
Mir im Herz ein Strudel riss
allen Anstand und mich selber fort.
Im Schlaf noch wacht mein Herz
und hört den Liebsten klopfen.
Mach auf mir, Schwester du
mein Täubchen, ein und alles!
Mein Kopf ist nass vom Tau.
Vom Haare tropft die Nacht.
Mein Hemd ist ausgezogen.
Jetzt soll ich's wieder anziehn.
Die Füße sind gewaschen.
Sie wollen schmutzig werden.
Jetzt reißt die Hand am Riegel.
Mein Herz will zu ihm hin.
Auf springe ich, zu öffnen.
Von Fingern tropft die Myrrhe.
Den Riegel nässt das Harz.
Auf tu ich meinem Liebsten.
Doch er ist fort. Wohin?
Mein armes Herz steht still.
Ihn such und find ich nicht.
Ihn ruf ich. Keine Antwort!
Mich fanden nur die Wächter
die durch die Stadt nachts gehn.
Sie schlugen mich und rissen
die Tücher mir vom Leib.
Ich beschwöre euch, Mädchen in Jeruschalajim:
Wenn ihr meinen Liebsten findet, sagt ihm
dass ich krank vor Sehnsucht bin!
Sag uns doch, schönstes Mädchen
da du uns so beschwörst:
Was unterscheidet deinen Liebsten
dass du uns so beschwörst
von andern? Woran erkennen wir ihn?
Ganz weiß und rot leuchtet mein Liebster.
Er überragt zehntausend Mann
um einen Kopf aus reinem Gold
mit dichten Rispen schwarzer Locken
so schwarz, wie Raben sind.
In Milch gebadet, wie zwei Tauben
an Bächen frischen Wassers flattern
so rollen die Augen in ihren Höhlen.
Die Wangen duften wie ein Beet
da Balsam und Gewürze sprießen.
Von Lippen, die wie Lilien leuchten
fließt Myrrhenharz im Strom.
Gewalztes Gold sind seine Finger
mit Ringen aus Atlantis.
Den Leib, aus Elfenbein geschnitten
bedecken indische Saphire.
Zwei Marmorsäulen ruhn die Schenkel
auf goldenen Sockeln.
Gewachsen ist er, wie die Zeder
wächst auf dem Libanon
und wie der Honig süß, so
schmeckt sein Kuss.
Ja, er weckt lauter Lust und Wonne!
Das ist mein Liebster. Daran erkennt ihr
ihn, Mädchen in Jeruschalajim!
Sag uns doch, schönstes Mädchen
in welche Richtung dein Liebster ging!
Wir gehn ihn suchen mit dir.
Mein Liebster ging zum Garten hin.
Wohl weidet er in Balsamdüften
und pflückt die Lilien auf der Weide.
Sein bin ich, und mein ist er
der weidet da, wo Lilien blühn.
Ich beschwöre euch, Mädchen in Jeruschalajim
bei allen Gazellen
bei Hirschen und Rehen
auf den Feldern:
Weckt nicht und schreckt nicht die Liebe, bis sie erwacht!
Mitten in der Nacht auf meinem Bett
suchte ich, den mein Herz liebt
suchte überall und fand ihn nicht.
Ich stand auf und lief umher
durch die Stadt. Auf Plätzen und in Gassen
suchte ich, den mein Herz liebt
suchte überall und fand ihn nicht.
Nein, mich fanden nur die Wächter
nachts auf ihrem Rundgang durch die Stadt!
Saht ihr ihn, den mein Herz liebt?
fragte ich. Doch kaum war ich vorüber
fand ich ihn, den mein Herz liebt
sah ihn, packte zu und hielt ihn fest.
Nein, ich lass ihn nicht mehr los
bringe ihn in meiner Mutter Kammer
wo sie mich geboren hat!
Ach, mein Liebster, wärest du mein Bruder
von der Mutterbrust an
dürfte ich dich auf der Straße küssen
niemand nähme Anstoß
nähme ich dich mit ins Haus der Mutter
wo sie mich erzogen hat
gäbe ich dir vom Würzwein zu trinken
und den Granatapfelmost!
Dreh dich, ja dreh dich und tanze, Schulammit!
Dreh dich im Tanze und lass dich betrachten!
Was wollt ihr beim Tanz an Schulammit betrachten?
Ihr solltet im Reigen euch selber mitdrehn.
Zierlich zieren die Sandalen deine Füße.
Aus fürstlichem Blut!
Biegsam runden deine Hüften sich im Bogen.
Das Werk eines Künstlers!
Offen wölbt zur vollen Schale sich dein Schoß.
Um Würzwein zu mischen!
Rund um Weizen säumen Lilien deinen Bauch.
Nie fehle der Weizen!
Über beide Brüste wacht dein Hals
aus Elfenbein gerundet.
Auch die Nase ist ein Turm
nach Dammassek hin
und am Tor der Wüstenstadt
von der Wüste her
plätschern Teiche frischen Wassers:
deine Augen!
Vom Baumgarten deines Kopfes
hoch und edel
fließen purpurrote Haare
wie gefärbte Wolle.
In den Ringeln liegt der König.
Rettungslos verfangen!
Du bist lieblich, meine Freundin!
Wonne ist deine Liebe.
Eine Palme ist dein Wuchs.
Deine Brüste sind die Datteln.
Ach, auf diese Palme klettern
und die reifen Datteln pflücken!
Deinen Apfelatem atmen
und die Würzweinküsse trinken!
Meine rauhe Kehle glätten
und die müden Lippen netzen!
Schön, meine Freundin
bist du! Du bist schön:
Ein Paar Tauben flattern Blicke
aus zwei Augen durch den Schleier.
Schwarze Ziegen fließt die Herde
deiner Haare von den Bergen.
Weiße Schafe steigt die Herde
deiner Zähne aus der Schwemme.
Zwillingslämmer
und kein Fehlwurf!
Purpurbänder schwillt das Paar
deiner Lippen um den Mund.
Granatapfelscheiben schimmern
deine Wangen durch den Schleier.
Turm, aus Elfenbein gerundet
waffenstarrend und mit Schilden
reich geschmückt, wacht dein Hals
über beide Brüste, die
zwei Gazellen
Zwillingsrehlein
weiden da, wo Lilien blühn.
Schön, meine Freundin
ohne Fehl und Tadel
ist alles an dir!
Jisraels Hauptstadt
ist ruhig und anregend
Jeruschalajim.
Mich blendet ein Bild
am Himmel der Wüste.
Verheerend bist du.
Ach, schau mich nicht an!
Mit deinen Augen
hast du mich gebannt.
Sechzig Frauen hat Schelomo
und noch achtzig Nebenfrauen
dazu Mädchen ohne Zahl.
Ich hab dich allein, mein Täubchen!
Ein und alles deiner Mutter:
so ein Glück, dass es dich gibt!
Schon dein Anblick lässt die Mädchen
Fraun und Königinnen singen:
Mild glänzet der Mond.
Rot leuchtet der Morgen.
Hell strahlet die Sonne.
Uns blendet ein Bild
am Himmel der Wüste.
Verheerend bist du.
Manchen Weinberg hat Schelomo.
Voll mit Frauen ist sein Harem
und den lässt er streng bewachen.
Für die Ernte muss ihm jeder
der so einen Weinberg pachtet
tausend Silberstücke geben.
Einen Weinberg hab ich selber.
Tausend lasse ich dem König
und den Wächtern noch zweihundert.
Eine Staubwolke steigt von der Wüste auf
weht Weihrauch und Myrrhendüfte heran
Gewürze und Wohlgerüche der Ferne.
Da, seht: Schelomos Sänfte naht!
Und sechzig Soldaten geleiten sie:
Jisraels Helden
im Kampfe erprobt
mit Schwertern gegürtet
zum Schutz in der Nacht!
Und diese Sänfte ließ Schelomo zimmern:
die Säulen mit Silber beschlagen
die Lehne mit Gold überziehn
die Kissen aus Purpur weben
und sticken mit Liebe von euch
Ihr Mädchen in Jeruschalajim!
Ihr Zijonstöchter, kommt und seht
den König, gekrönt mit der Krone
von seiner Mutter
am Hochzeitstag
am Tag der Tage
am Tag voller Freude und Glück!
Stolz wie die Stute vor Pharaos Wagen:
so schreitest du neben mir, meine Freundin!
Zwischen zwei Zöpfen leuchten die Wangen.
Goldene Schnüre schmücken den Hals.
Noch silberne Kügelchen hängen wir dran!
Anmutig, Liebste, bist du! Du bist schön.
Wenn der König mir nah ist, dann
dufte ich herrlich nach indischem Öl.
Mir zwischen den Brüsten ruht er in der Nacht.
Myrrhe und Henna im Garten der Oase:
so duftet und leuchtet mein Liebster mir!
Schön und, ach Liebster, verlockend bist du!
Die Liebste, sie kommt von der Wüste her!
Dem Liebsten, ihm liegt sie dürstend im Arm!
Geweckt hab ich dich unterm Apfelbaum
wo sie dich empfing, die einst dich gebar.
Trag mich als Siegel am Herzen!
Leg mich als Ring um den Arm!
Stark wie der Tod ist die Liebe
und Leidenschaft brennt wie die Hölle.
Ein loderndes Feuer brennt ihre Glut
und ihre Blitze sind Gott selbst in Flammen.
Kein Wasser kann die Liebe löschen
und keine Flut trägt sie davon.
Mit nichts kann man die Liebe kaufen
und aller Reichtum ist nur Spott.

1999 © NEEFF