Die Heimkehr
Weiß auf weiß gemalt
 

I

 
»Wer da?« In einer Luke neben dem Klostertor erschien das mürrische Gesicht des Pförtners. »Gut Freund!« antwortete ich. »Ein Maler auf Wanderschaft begehrt Obdach.«
 
»Woher des Wegs und wohin?«
 
»Ich komme aus Italien, wo ich mein Handwerk gelernt habe. Doch bevor ich mich niederlasse, möchte ich ein Dorf hier in der Nähe besuchen. Da bin ich geboren. Dort habe ich Mutter und Braut.«
 
»So Gott will«, ergänzte der Mönch und befahl mir zu warten. Er entfernte sich und kam nach kurzer Zeit zurück. Eine Seitenpforte wurde geöffnet. »Du hast Glück. Der Prior meint, unser Refektorium braucht einen neuen Anstrich. Bis du damit fertig bist, darfst du bleiben.«
 
»Ihr sucht einen Anstreicher«, stellte ich fest und wollte hinzufügen: Der bin ich nicht. Aber meine Füße, die von vielen Wochen des Wanderns und der Kälte schmerzten, hießen mich schweigen, und so trat ich ein. Man führte mich quer durch die Gärten, über einen verlassenen Vorhof und am Portal der hell erleuchteten Abteikirche vorbei. Das eintönige Singen der Mönche drang zu uns heraus und ging im matten Schwarz dieser Nacht ohne Sterne verloren. Endlich erreichten wir ein langgestrecktes Schlafhaus. Hinter einer von vielen Türen im Innern wurde mir ein Nachtlager zugewiesen. Der Pförtner murmelte etwas wie einen Gruß und verschwand. Dann war ich allein.
 
In der Zelle fanden meine Füße zuerst sich zurecht. Sie stießen gegen einen Strohhaufen. Darauf streckte ich, so gut es ging, meinen Körper aus, und als meine Augen sich an die Finsternis gewöhnt hatten, konnte ich ein Loch oben in der Wand sehen, das als Fenster dienen mochte. Ich aber richtete den Blick empor, um meinem Schöpfer innig zu danken für seine Güte, die mich bis an diesen Ort geführt und auf meiner Wanderung allzeit beschützt hatte. Während sieben Jahren fern der Heimat hatte er mich das edle Handwerk gelehrt, mit dem Pinsel ihn, den Herrn des Himmels, zu rühmen. Keinen ganzen Tag weit lag vor mir die Heimkehr. Mich erwarteten mein Dorf, meine Mutter und mein Mädchen. Heimlich hatten wir uns die Treue versprochen. Weh war mir zumute, bange und auch froh.
 
Mit vollem Herzen und mit schweren Gliedern versank ich in einen gerechten und, so schien mir, traumlosen Schlaf. Kaum spürte ich die Kälte, den Boden und noch etwas Hartes unter mir, ein Holzstück vielleicht, das sich im Stroh verbarg.
 

II

 
Früh weckte mich eine helle Sonne. Anfangs tat mir der Rücken weh von jenem fremden Ding, auf dem ich die Nacht im Stroh gelegen hatte. Aber als ich nachfühlte – da war's eine Flöte, wie manche Hirten sie an langen Sommerabenden spielten. Oft genug hatten ihre Melodien mich auf meinem Weg über die Berge geleitet. Also packte ich den Fund zu meinen Sachen und verließ das Schlafhaus.
 
Im Refektorium bot ein freundlicher Klosterbruder mir eine Schale Dickmilch an. Ich aß mit gutem Appetit, dankte und nahm Abschied. Weithin offen stand das große Tor. Ich schritt hindurch über duftende Wiesen und Blumenwellen, soweit der Blick reichte. Am Horizont stieg Rauch auf von meinem Dorf.
 
Im Näherkommen hörte ich Lachen und Freude, und als ich den Dorfplatz betrat – da tanzten Burschen und Mägde im Reigen, wie um meine Rückkehr gebührend zu feiern, und in ihrer Mitte stand glücklich mein Mädchen, schöner denn je in einem weißen Kleid und mit bunten Blüten im Haar. Dies war ihr Fest, und sie war die Braut, und neben ihr stand ein großer Mann, geschmückt und stolz. Der nahm sie in den Arm.
 
Ich wankte und nahm meine Flöte, als könnte sie mich halten, zur Hand, und sobald sie meinen Mund berührte, kamen Töne wie von selber. Über den Dorfplatz schallten nie zuvor gehörte Weisen. Die Flöte pfiff und sang hoch, und jedes Lied, das sie anstimmte, jubelte lauter noch und fröhlicher als alle Lieder vorher. Mir aber stach ihr Klang schrill ins Herz.
 
Als ein Luftzug mich streifte, blickte ich auf, und da war's ein wirbelndes, weißes Kleid. Mir nah und unnahbar schwebte mein Mädchen vorüber. Mit allen im Dorf drehte es sich in einem unwiderstehlichen Bann. Die Hochzeiter tanzten. Sie renkten und reckten die Glieder. Sie rasten und rannten. Sie schwatzten und schwitzten und schüttelten sich im herrischen Takt der Flöte.
 
Am Ende war jeder erschöpft und sank auf der Stelle nieder, fast zuletzt die Braut und danach der Spielmann, den kaum einer bemerkt und den niemand erkannt hatte.
 

III

 
Da ich zu mir kam, war meine Haut verschmiert mit Lehm. Hose und Jacke fühlte ich nass. Die Gegend um mich verfloss in einem trüben Nebel. Doch traten einige Kreuze und ein dunkler Schatten hervor, und wie ich ihn sah, da stieß man ein Tor auf, und aus der Kapelle schritten sechs schwarz gekleidete Männer. Die trugen etwas Schweres. Es folgten der Priester und die Gemeinde. Die kamen über den Dorffriedhof her und hielten, wo ich saß, und was sie trugen, das war eine Kiste aus schlicht gehobelten Brettern. Ich sah hinein wie durch Glas.
 
Nicht warm und nah war die Mutter. Auch trauerte nicht ihr Blick wie zuletzt, als der Sohn ihr entschwand, um fernhin zu wandern. Da lag sie, kühl und leer, und in meiner Hand lag ein kantiges Ding. Aus meiner tiefst inneren Not setzte ich's an den Mund. Es gellte das Lied der Flöte.
 
Die Trauernden zuckten und zierten sich erst. Sie zappelten, wiegten die Hüften und hoben dann ein und das andere Bein. Es begann ein Hampeln und Hüpfen. Laut johlte und brüllte und grölte das Volk. Wild stampften die Schenkel und dampfte der Schweiß. Es knickten und knackten die Kreuze. Man balancierte den Sarg, auch das Fleisch, auf Zehen und Fingerspitzen. Das Efeu auf Gräbern walzte man platt. Man wälzte zu zweit sich im Rhythmus. Im Dreck rollten Männer und Weiber und Leiber und Hosen und Röcke und Brüste. Das alles quietschte und platzte vor Lust und stöhnte nach neuen Lüsten.
 
Mich packte ein Grausen, und mit Gewalt riss ich vom Mund mir das schreckliche Ding. Weit warf ich's fort, dass endlich es an einer Mauer zerspringe. Doch brachte mir's ein Kind zurück. Ich nahm die Flöte und floh – ins Innere der Kapelle ... Stille überfiel mich. Ruhe war auf rauhen Eichenbänken.
 

IV

 
Wieder erwachte ich. Auf mich brach mattes Licht herein durch blaue Kirchenfenster, und an den Wänden glänzte dumpf das fromme Gold der Heiligenbilder. Weiß gewandet stand einer, und um ihn im Kreis saßen Menschlein mit roten Backen. Die hörten zu, wie er mit einfachen Worten sprach: »Euch habe ich Tänze zur Hochzeit gespielt, und ihr habt nicht gelacht. Euch habe ich Lieder der Trauer gesungen, und ihr habt nicht geweint.« Die Rede vernahm ich und schaute empor durch einen Schleier aus Tränen.
 
Da ging ein Ruck durch mich hindurch. Ich musste die Flöte packen. Sie aber spielte den Bildern auf, die an den Wänden schwammen.
 
Vom Kreuze bogen die Balken sich rund. Der Heiland klatschte und schrie hurra. Dann setzte er sich in den Schatten. Vom Baume hingen die Feigen herab. Reif waren die Früchte, und sie fielen. Der heilige Judas hing im Wind und pendelte Pirouetten. Zwei andere kugelten barfuß herbei und rafften ihre Kutten. Oft grunzte er und quiekte sie, und beide tanzten voll Harmonie. Sebastian sah und hörte ich. Er übte sich im Springen, und wenn er sprang, dann klapperte es, als wollten die Pfeile singen. Wohin ich sah – es herrschte selig heidnisches Tummeln. Das Weltenrad trieb der Teufel sogar. Es kreischte, kreißte und gebar – einen himmlischen Furz! Der verströmte Weihrauch und Myrrhen.
 
Doch über dem Taumel thronte erhaben die Jungfrau und Mutter. Nur sie war die Königin. Klarheit umstrahlte sie, und Anmut rötete ihre Gestalt. Ein gütiges Lächeln, das sie mir gewährte, wies mich zum Altar. Auf ihren Wink hin beugte ich mich über ein Becken aus Marmor. Im Weihwasser, dicht zum Ertrinken vor mir, war ein Bild meiner selbst nicht zu finden. Wohl schwebte die Flöte. Der Spiegel lag glatt. Nur ich, ich war verschwunden, und Schwindel ergriff mich. Ach, mir vergingen die Sinne!
 

V

 
Als die Welt aufhörte, sich zu drehen, fand ich in einer kargen Zelle mich wieder. Durch ein Loch in der Außenwand drang Schneeluft ein. Mir war, als hätte ich gar nicht geschlafen. Mit einer Hand hielt ich ein Holzscheit oder einen morschen Ast umklammert, den ich im Stroh zurückließ.
 
Frierend stand ich auf. Ich trat hinaus auf den langen Korridor des Schlafhauses. An vielen geschlossenen Türen schlich ich vorbei bis in den Klosterhof. Jetzt stand das Portal der Kirche offen, und wie am Abend, als ich eingetroffen war, sangen die Mönche. Ich erreichte den Brunnen. Auf der Wasserfläche, umgeben von Eis, nahm ich mein Gesicht wahr und wie es sich, als meine Hände eintauchten, in große und kleine Ringe auflöste.
 
Ginge ich heute hinunter ins Dorf – ich käme vorbei an einem stattlichen Hof und wüsste, die Herrin hier ist jene, die ich einst geliebt habe. Mein Weg führte über den Kirchhof, und ich wüsste, im Grab dort, das kein Mensch pflegt, liegt die Frau, die mich einst geboren hat. Ich beträte eine Bauernkapelle, und die Wände wären bunt und grob bemalt mit steifen Figuren und starren Gesten. Vermochte denn ich anderes: mehr?
 
Kunstfertig war ich ... und doch! Auch meine Bilder hielten ein Leben, gerade da es sich regte und bald schon tanzte, vor dem Absprung fest. Mit jedem Umriss, den ich zeichnete, nahm ich das Licht und die Farben gefangen. Noch blieb, was tauen wollte, gefroren, und selbst im Tanz war kein Schritt frei. Immer gleiche Figuren wählten und zähmten immer gleiches Leid.
 
Inzwischen war ich gewaschen. Vom Himmel schwebten dicke Flocken herab und bedeckten sanft das matte Grün der Gärten, die Wege im Umkreis und die Dächer der Häuser. Mit feuchtem Haar betrat ich die Abteikirche. Der Chor stimmte das Resurrexit an, und mich hörte ich mitsingen: »niedergefahren zur Hölle; am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten; aufgefahren gen Himmel«. Bei diesen Worten stieg der Gesang empor, eine ganze Oktave von F bis f, und fand, dann fallend und im Fallen jubelnd, gar keine Ruhe. Also lobten die Mönche und ich Gott, unseren Herrn.
 
Sofort nach der Messe ging ich ans Werk. Ich rührte den Kalk an, um das Refektorium weiß zu tünchen.
 

 
Myzel
1999 © NEEFF