Place de la Concorde, 1968
 

 
Im Spiegel sehe ich irgendwen. An seinem Äußeren ist von seinem Innern nichts zu erkennen. Selbst bin ich weder auf noch hinter dem Bild. Abwesend. Unfähig, mich zu äußern. Unwirklich. Gibt es mich? Daran ist zu zweifeln, und im selben Moment kommt ins Bild doch eine Spur von meinem Verschwinden: der zweifelnde Blick.
 
Auf einer Mauer habe ich gelesen: »Seht euch an, ihr seid traurig!« Weggewischt sind die Inschrift und ihre Zeit, als unter dem Pflaster noch der Strand zu sehn war. Merkwürdig bleibt, was der Spiegel damals zeigte!
 
Über die Place de la Concorde johlten vieltausend Köpfe. Auf den Schultern irgendeines Mannes saß eine junge Frau, lachend und nicht jene Freiheit, die, breithüftig und vollbusig, Männern voranschritt, die hinter ihr fielen. Diese hier presst an eine Lederjacke, um selbst nicht zu fallen, ihre schmalen Schenkel. Nichts sonst nimmt der so Umschlungene wahr. In seinem Nacken spürt er, kaum schwerer atmend, ihren Schoß. Über ihn hinweg schwenkt sie – unschuldig vergnügt in einem Kostüm, das nicht verrutscht – ihr Tuch. Herab fließt, floss und fließt immer das Blut von Millionen hinunter auf den Asphalt.
 
Im Spiegel bemerkt die traurige Gestalt sich selber, und ein Lächeln huscht über ihre Züge wie vom Himmel herab ein Lichtbündel. Mit solchem Blick bloß die Wolken betrachten wäre Widerstand. Doch keine Wolken erscheinen, immer nur Steine. Umgeben von hohen Mauern, lärmt die Straße, die alle fahren, unabsehbar geradeaus: über den Horizont hinweg oder in einen Abgrund.
 

 
Myzel
1999 © NEEFF