| Exposee |
Im Christentum galt der Christus als Mensch und Gott. Von ihm erzählten Markus, Matthäus und Lukas. Über den historischen Jesus erfuhren und wussten wir beinahe nichts.
Seit 1945 ist alles anders: In jenem Jahr durchsuchten die Brüder As Samman, mit Äxten bewaffnet, die Höhlen nahe Nag Hammadi in Oberägypten. Sie vermuteten dort den Mörder ihres Vaters, aber sie fanden nur einen Tonkrug. Den zerschlugen sie. Er enthielt zu ihrer Enttäuschung kein Gold, sondern dreizehn dicke Bücher aus Papyrus, in Leder gebunden, und ein paar lose Blätter. Immerhin war das Zeug brauchbar statt Stroh, um Feuer anzumachen. Die Brüder nahmen alles mit, und bald wurden einzelne Bände, die irgend jemand als alte Handschriften erkannt hatte, auf dem schwarzen Markt in Kairo gehandelt. Auch in den Niederlanden und in den USA tauchten Teile des Fundes von Nag Hammadi auf. Schnell begriffen Fachleute: Diese Bücher waren Dokumente des frühen Christentums, deren wissenschaftlicher Wert noch über solche spektakulären Entdeckungen wie die Grabkammer Tutenchamuns hinausgeht. So jedenfalls urteilte die Zeitschrift La bourse égyptienne schon am 10. Juni 1949.
Ähnlich wie bei Chirbet Qumran hatten Mönche, die eine Vernichtung ihrer heiligen Texte befürchten mussten, einige Bände versteckt und für die Nachwelt gerettet: zumeist Schriften, die von den Kirchenvätern bereits im zweiten Jahrhundert erwähnt und als ketzerisch kritisiert wurden, seither aber verschollen waren. Und wie bei Chirbet Qumran wurden die Manuskripte von Nag Hammadi zunächst nicht veröffentlicht. Sie lagerten in irgendeinem Museum, nur wenigen Fachleuten zugänglich. Reproduktion und Übersetzung in moderne Sprachen waren verboten. Es gab auch keine Übersicht des Bestandes, so dass erst 1955, mehr als neun Jahre nach dem Fund, ein Text entdeckt wurde, der begann: Diese geheimen Worte hat Jesus der Lebendige gesprochen und sein Zwillingsbruder Judas, der daher auch Thomas genannt wird, aufgeschrieben. Und ganz zum Schluss stand geschrieben: Hier endet das Evangelium nach Thomas. Jetzt war die Sensation perfekt. Denn als Urheber kam nur einer in Betracht: der als ungläubig und als der Apostel Indiens hinlänglich verrufene Jünger Jesu.
Seitdem sind Theologen bemüht, den Fund herunterzuspielen und gegen ihn die bekannte, kirchlich anerkannte Überlieferung als zuverlässig darzustellen. Denn wir werden umdenken müssen; im Evangelium nach Thomas tritt Jesus, nicht Christus auf: der Mensch und Bruder, nicht der Herr und Gott. Einer seiner Schüler und tatsächlich sein Bruder ist Judas, genannt Thomas: der Zwilling. Ihn lehrt nicht jener Christus, den die Kirche lehrte. Ein ganz anderer, lebendiger Jesus tritt uns entgegen und als anderer Jesus dann Thomas selbst. Wer in seinem Evangelium liest, begegnet ohne Unterschied beiden.
Thomas stellt alles auf den Kopf, was wir zu wissen glaubten. Sein Evangelium ist keine Erzählung des Lebens Jesu als Vorgeschichte zur Auferstehung, sondern unmittelbar das, was Jesus lehrt. Der aber ist an einem Gott und Göttern gar nicht, umso mehr an Selbsterkenntnis interessiert. Thomas und sein Jesus suchen und finden ihre Wahrheit wesentlich im Innern und, als dessen äußere Entfaltung, ausgebreitet über die Erde. Das Absolute ist Licht. Und diesem kann kein Schöpfer je befehlen, dass es werde. Darum werden die Bestimmungen des jüdischen Gottes als des Vaters und seines Reichs konsequent dem Licht selber zugeschrieben, das, beleuchtend und erleuchtend zugleich, Inneres und Äußeres in ihrem eigentlichen, ursprünglichen Einssein fasst. Als derart philosophischer Text steht das Evangelium nach Thomas deutlich außerhalb und vor jeder christlichen Tradition. Jesus war kein Christ; dafür steht Judas, genannt Thomas, als Kronzeuge ein.
Für Thomas und seinen Jesus gibt es nur dieses Leben, und nichts macht irgendein Leid ungeschehen. Selig der Mensch, der gelitten hat! Er hat das Leben gefunden. Thomas sieht das irdische Kreuz und keine himmlische Glorie; allein wahr ist die Erde. Spaltet Holz ich bin da! Hebt einen Stein auf ihr findet mich! Wirklich ist die Passion im Doppelsinn des Leidens und der Leidenschaft: des Hungers nach Leben. Selig die Hungrigen! Denn den Bauch dessen, der will, wird man füllen. Am Beginn der christlichen Zeitrechnung steht dieser Evangelist da wie ein Wilder, der den Komfort des Glaubens zurückweist, der die Worte Jesu und an ihrer Wahrheit festhält und der dabei bleibt, die Vereinsamung im Leben und die Vernichtung im Tode wahrzunehmen. Quer durch die Zeiten sucht diese Haltung ihresgleichen und findet einen: den Buddha.
Nicht umsonst galt gerade Thomas stets als der Apostel Indiens, und gerade seine, die fernste Missionsreise lässt sich im Unterschied zu allen anderen, mehr oder weniger frei erfundenen Apostellegenden durchaus ernsthaft begründen. Nachweisbar ist dreierlei: die Ankunft jüdischer Siedler in Kerala (Südwestindien) in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts; die Bauweise des Thomas-Grabes in Mailapur (heute »Chennai«, Südostindien): römisch, zweite Hälfte des ersten Jahrhunderts; die Existenz einer vielfältigen, ununterbrochenen südindischen Thomas-Tradition vor Ankunft der Portugiesen. Und nicht zuletzt: für einen Thomas, der das Leben im Doppelsinn des Leidens und der Leidenschaft bestimmt und bejaht, macht die legendäre Indien-Reise mehr Sinn als für den Missionar einer fernen, fremden Kirche. Denn ins Land des Buddha, den die gleiche Frage nach dem Leiden und seiner Aufhebung bedrängte, nimmt Thomas eine ganz neue Antwort mit, die im Westen niemand verstand. Vielleicht geht auf ihn jene oftmals atemberaubende Umwertung menschlichen Lebens und Liebens zurück, die im ersten Jahrhundert anhebt und alle Strömungen indischer Religion und Philosophie erfasst, erschüttert und erneuert.
Uns aber, die wir inzwischen nach Alternativen zur Selbstzerstörung einer weltweit christlich geprägten Zivilisation suchen, spricht im exotischen Gewand indischer Weisheit womöglich Jesus selbst an: unser eigenes, im Westen untergegangenes Erbe. Ein Mittler beider Welten war und ist heute wieder der ungläubige Thomas.